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Familienbund der Katholiken
im Bistum Erfurt und im Freistaat Thüringen
Mehrkinderfamilie in Deutschland
05.05.2008

Zur demographischen Bedeutung der Familie mit drei und mehr Kindern und zu ihrer ökonomischen Situation

Kürzlich wurde die Studie von Prof. Hans Bertram „Die Mehrkinderfamilie in Deutschland. Zur demografischen Bedeutung der Familie mit drei und mehr Kindern und zu ihrer ökonomischen Situation.“  veröffentlicht. Die 100 Seiten der Expertise lesen sich wie eine Bankrotterklärung der Familien- und Sozialpolitik an den (zumindest demografisch unbestrittenen) Leistungsträgern unserer Gesellschaft.

Ein Lesebeispiel:

Die Gefahr, dass Mehrkinderfamilien hinsichtlich ihres Bildungskontextes gegenüber anderen Familien zurückfallen mit dem Risiko der Bildungsarmut für Kinder, ist für Deutschland ebenso klar zu benennen wie die Gewissheit für einen großen Teil der Familien mit mehreren Kindern, ihre Kinder in relativer Armut aufziehen zu müssen. Das ist kein neues Phänomen, sondern auch Ergebnis einer Familien- und Sozialpolitik, die bisher die besondere Situation von Mehrkinderfamilien in einer Gesellschaft, in der die Haushalte immer kleiner werden, überhaupt nicht berücksichtigt hat. (S.83)

 

Interessant ist auch, dass die Bedeutung der Ehe / Partnerschaft für die Entscheidung für Kinder als „überragend“ bezeichnet wird:

Auch wenn heute in der Öffentlichkeit die Bedeutung der Ehe kritisch diskutiert wird und dabei vor allem die ökonomischen Aspekte des  Ehegattensplittings im Vordergrund stehen, ist zumindest aus Sicht derjenigen, die sich für Kinder entscheiden, festzustellen, dass die Ehe noch eine überragende Bedeutung hat. Auch bei internationalen Vergleichsuntersuchungen ist immer wieder hervorzuheben, dass die Entscheidung für Kinder auch davon abhängt, dass die eigenen Einstellungen in Bezug auf Kinder vom Partner oder der Partnerin geteilt werden und dass beide Partnerschaft und Kinder als eine auf Dauer angelegte gemeinsame Lebensperspektive begreifen. Auch bei der Analyse der anderen Lebensformen im Zusammenhang von Arbeit und Einkommen spielt die Dauer der Ehe eine relativ große Rolle in Bezug auf die Zahl der Kinder. Ist man unverheiratet und verfügt über ein geringes Haushaltsnettoeinkommen, ist die Kinderzahl relativ klein. In der gleichen ökonomischen Situation steigt die Kinderzahl bei verheirateten Paaren bei den 37- bis 43-jährigen Frauen von 0,5 auf 1,36 Kinder. Diese wenigen Zahlen machen auch deutlich, dass nicht die ökonomische Förderung der Ehe die Eheschließung beeinflusst, sondern viel mehr die gemeinsame Lebensvorstellung eines Paares, sich für Kinder zu entscheiden. Denn unabhängig von der Höhe des Einkommens haben diejenigen, die verheiratet sind, viel mehr Kinder als die Nicht-Verheirateten. (S.46f)

 

Allerdings führen die hier zusammengetragenen Ergebnisse über dieses Präferenzmodell hinaus, weil sie deutlich machen, dass Ehe und Partnerschaft eine ganz überragende Bedeutung bei der Entscheidung für Kinder haben. Offenkundig kommt es nicht nur darauf an, dass bestimmte Präferenzen vorhanden sind, sondern es braucht offenkundig auch einen bestimmten Kontext zur Umsetzung, nämlich einen Partner, mit dem gemeinsam eine bestimmte Lebensform mit Kindern für sich selbst entwickelt und dann auch versucht wird, so zu leben. (S.48)

Die hohe Bedeutung der notwendigen finanziellen Grundlagen für das Leben mit mehreren Kindern und das Versagen des Familienleistungsausgleichs gerade für diese Familien werden beschrieben.

Zunächst ist nur festzuhalten, dass die bisherigen finanziellen Transferleistungen für Familien offenkundig weder die ökonomischen Differenzen von Familien mit Kindern zu denjenigen ohne Kinder angemessen verringern konnten, noch aber, und das scheint gegenwärtig gravierender zu sein, die unterschiedlichen finanziellen Belastungen einzelner familiärer Konstellationen je nach Kinderzahl und je nach Lebensalter der Mütter in angemessener Weise berücksichtigen. (S.43)

Denn die ökonomischen Schwierigkeiten von Familien mit jungen Müttern sind besonders groß. Dabei ist noch einmal zu betonen, dass es sich hier nicht um Teenager, sondern um junge Frauen von 23 bis 30 Jahren handelt. Das ist insoweit bemerkenswert, weil auch andere Länder, etwa Schweden (Trost 1989), solche ökonomischen Probleme kennen, diese aber viel eher in Nordeuropa bei den häufigeren Teenagerschwangerschaften bestehen. Die Besonderheit in Deutschland liegt vor allem darin, dass diese ökonomische Deprivation in einem Alter auftritt, in dem sich diese jungen Frauen unter einer medizinisch-biologischen Perspektive genau im richtigen Alter für die Geburt eines Kindes befinden. Krasser kann das Missverhältnis zwischen ökonomischen Transferleistungen, Nachteilsausgleich für Familien und der natürlichen Entwicklung für Mütter und Kinder nicht ausfallen. (S.45)

Auch die „älteren Eltern“ dürfen nicht „abgeschrieben“ werden. Verpasste Bildungs- bzw. Qualifikationschancen sind auch nicht den "irgendwie unvernünftigen Entscheidungen" der Eltern zuzuschreiben. Vielmehr muss es entsprechendes Bildungsangebot geben, die die „Rückkehr“ zur qualifizierten Erwerbsarbeit ermöglichen und so auch familienbezogene Kompetenzen anerkennt und einbezieht:

Kinder aus Ein- oder Zweikinderfamilien, deren Eltern über eine hohe Qualifikation verfügen, können in diesen Familien von den Eltern entsprechend hoch individuell gefördert werden und die Eltern verfügen über ein der Qualifikation entsprechendes Einkommen, das auch die Möglichkeit verschafft, zusätzliche Bildungsressourcen zu mobilisieren. Die Kinder aus Mehrkinderfamilien haben diese Chancen schon deswegen nicht, weil ihre Eltern sich zu einem Zeitpunkt für die Kinder entschieden haben, zu dem sich schon die Eltern dieser Eltern für Kinder entschieden haben. Aber die daraus resultierende Benachteiligung ist nicht einer irgendwie unvernünftigen Entscheidung der Eltern zuzurechnen, sondern der bisherigen Unfähigkeit der Politik, im Bereich von Bildung und Ausbildung neue und flexible Angebote und Modelle zu schaffen, die es ermöglichen, auch noch mit 35 oder 40 Jahren Qualifikationen neu zu erwerben; das deutsche Bildungssystem ist in seiner zünftig ständischen Ordnung noch im Mittelalter und in der frühen Neuzeit verhaftet, als man solche Angebote noch nicht benötigte. (S.75)

Interessant ist auch, dass der katholische Soziologe Franz-Xaver Kaufmann zitiert wird, um deutlich zu machen, dass es einer systemischen Förderung von Kindern und Eltern (nicht die einen gegen die anderen ausgespielt) braucht:

Wenn Franz-Xaver Kaufmann zu Recht darauf hinweist, dass bei einer geringer werdenden Zahl von Kindern die Förderung des Humankapitals jedes einzelnen Kindes im Vordergrund stehen müsse (Kaufmann, 2005) und wir gleichzeitig wissen, welche große Bedeutung die Eltern für die Förderung ihrer Kindern haben, so ist kaum zu verstehen, dass die Bundesrepublik Deutschland sehr große Summen in die sozialen Sicherungssysteme investiert, aber so gut wie keine ausreichenden Investitionen in die Förderung des Humankapitals sowohl der Kinder wie auch der Eltern fließen lässt. (S.75)

 

Wer Lust auf mehr hat, hier kann die Studie geöffnet werden.

Außerdem zur Studie ein Kommentar von Markus Wehner vom 3. Mai 2008 in der FAZ. Er endet mit Sarkasmus: "Die Politik hat die Situation von Mehrkinderfamilien bisher schlicht ignoriert. Im Osten Deutschlands ist dieser Typ Familie schon ausgestorben. Wenn sich nichts ändert, wird es bald in ganz Deutschland so sein."


 

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